#293 Sterbebegleiterin Christiane Reyer – „Der letzte Atemzug ist geprägt von Frieden“

Shownotes

„Im Moment des Übergangs ist immer ein Frieden spürbar“, sagt Christiane Reyer, die ehrenamtlich Sterbende begleitet. Im Podcast erzählt sie, wieso sie es als Ehre empfindet, dabei sein zu dürfen, wenn ein Mensch seinen letzten Atemzug macht. Welche Rolle sie in dem Moment des Sterbens habe, das müsse sie in jeder Situation neu erspüren: Manchmal dürfe sie eine Hand halten, mal ein letztes Gespräch führen und manchmal einfach nur still dabei sein. Was Sie für Ihr eigenes Leben daraus mitnimmt und warum Eltern nicht gut sterben können, wenn ihre Kinder dabei sind – Christiane Reyer spricht in dieser Episode über die Begleitung von Sterbenden.

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00:00:12: Hier ist euer Podcast Himmel klar, mit Verena Tröster.

00:00:16: Sie

00:00:16: hält die Hand, wenn ein Mensch seinen letzten Atemzug macht.

00:00:20: Sie ist da, wenn letzte Familienangelegenheiten geklärt werden.

00:00:23: Sie hört zu, sie hält bestimmt auch vieles aus.

00:00:27: Sie begleitet Menschen bis in den Tod und das ehrenamtlich.

00:00:31: Ich stelle es mir sehr aufregend vor, was Christiane Reijer da tut.

00:00:35: ist es aber, glaube ich, eine relativ ruhige Sache.

00:00:38: Ich habe das immer so erlebt, dass diese letzten Atemzüge geprägt waren von Ruhe, von Frieden, von einem Loslassen, von einem vielleicht auch schon irgendwie Ankommen woanders.

00:00:51: Es ist auf jeden Fall ein ganz ganz großes und großartiges Gefühl.

00:00:56: Was sie für ihr eigenes Leben daraus mitnimmt, wieso sie es als eine Ehre empfindet dabei sein zu dürfen.

00:01:02: wenn ein Mensch stirbt.

00:01:03: Und warum Eltern nicht gut sterben können, wenn ihre eigenen Kinder dabei sind, das erzählt sie uns in dieser Episode.

00:01:13: Heute zu Gast Christiane Reier, zweiundfünfzig Jahre alt, Grundschullehrerin.

00:01:18: Sie hat vier Kinder und ist ehrenamtliche Sterbebegleiterin.

00:01:23: Ich freue mich sehr auf das Gespräch.

00:01:25: Schön, dass Sie da sind.

00:01:26: Danke.

00:01:28: Wie ist es dazu gekommen, dass Sie ehrenamtliche Sterbebegleitung machen?

00:01:33: Ich habe mich schon seit meiner frühen Jugend ganz neugierig und angstfrei mit dem Thema Tod und Sterben beschäftigt und fand das immer sehr, sehr interessant.

00:01:42: Und habe immer schon versucht, da so einen Zugang zuzufinden.

00:01:46: Ich habe Bücher gelesen darüber, die mich sehr fasziniert haben und da wurden Dinge beschrieben, die ich interessant fand.

00:01:52: Und habe also seit meiner Jugend, seit ich vierzehn, fünfzehn bin, Ja, so eine Affinität dazu.

00:01:59: Dann hat mir mal die Oma meiner besten Freundin gesagt, ich sollte Altenpflegerin werden.

00:02:04: Da hab ich lange drüber nachgedacht und hab gedacht, das trifft's sogar nicht.

00:02:07: Dann ist das alles so ein bisschen in den Hintergrund gerückt.

00:02:09: Interessant fand ich's trotzdem immer alles noch.

00:02:11: Und dann bin ich irgendwann über diese Hospizidee gestolpert.

00:02:15: Und da hat mein Herz ganz doll geklopft und hat gesagt, hey, das ist es doch, was ich eigentlich machen will.

00:02:20: dann war das aber so mitten in der Familiengründungsphase, wo man ja seine emotionale Kraft für andere Dinge braucht, für die Kinder.

00:02:29: Und da hab ich mir geschworen, irgendwann, wenn meine Kinder mich emotional mal nicht mehr so doll brauchen, dann würde ich mich da mal informieren und dann würde ich total gerne eine Ausbildung zur Sterbebegleiterin machen.

00:02:40: Und ja, der Tag war dann im Jahr two-tausend-achzehn irgendwann gekommen.

00:02:45: Da hat der Hospiz war in Poolheim.

00:02:48: Da war eine Anzeige in der Zeitung, wo Ehrenamtliche zur Sterbebegleitung gesucht wurden.

00:02:55: Da hab ich mich gemeldet, hatte ein tolles Vorgespräch und durfte dann da die Ausbildung machen.

00:03:01: Können Sie beschreiben, was konkret das Interesse daran ist?

00:03:04: Was ist das, was Sie fasziniert hat?

00:03:07: Mich hat immer schon fasziniert dieser Moment des Übergangs vom Leben in den Tod.

00:03:13: das Sterben, dieses Sterbemoment, der Sterbeaugenblick, aber auch das, was vorherkommt, das Sterben, was auch mit viel Leiden und Schmerzen verbunden ist.

00:03:23: Und da wollte ich ausprobieren, ob ich das begleiten kann.

00:03:26: Ich habe ganz lange gesagt, ich muss das erst ausprobieren.

00:03:29: Es kann auch sein, dass ich merke, ich bin dazu nicht in der Lage.

00:03:34: Es ist aber tatsächlich doch so, dass ich das kann, dass ich das auch so von mir abgrenzen kann.

00:03:40: und kann dann diese Begleitungen jeweils sehr genießen.

00:03:44: Auch egal, ob ich im Moment des Sterbens dabei bin oder nicht.

00:03:48: Wie ist Ihre Erinnerung an den ersten Menschen, den Sie begleitet haben, an diese erste Situation?

00:03:55: Die erste Begleitung war eine Dame, von der ich nichts wusste über Ihren familiären Rückhalt und wie es ihr so geht.

00:04:04: Sie war in einem Altenheim.

00:04:08: konnte sich nicht mehr sehr viel äußern.

00:04:10: Ich hatte ganz wenig emotionalen Zugang zu ihr und ich fühlte mich da ein bisschen außen vor.

00:04:16: Es war eigentlich eine relativ schreckliche Begleitung, weil ich mir so hilflos vorkam, weil ich nicht an diese Dame herankam.

00:04:24: Es ist mir auch bis zuletzt nur ganz schwer gelungen, da so ein bisschen in ihres Fähre einzudringen, mich so ein bisschen ihr zu nähern, weil ich eben zu wenig über sie wusste.

00:04:34: Und das hat mir gezeigt, bei der nächsten Begleitung wüsste ich gerne ein bisschen mehr über den Menschen und weiß jetzt, wofür es eben wichtig ist, den Menschen zu kennen, wenn man ihn beim Sterben begleiten soll.

00:04:48: Wofür

00:04:49: ist es wichtig?

00:04:50: Um dem Menschen genau das zu geben, was er in dem Moment braucht.

00:04:53: Das lernt man auch ein bisschen zu erstüren in dem Moment.

00:04:57: Aber es tut gut, für einen selber als Begleitung so einen Rückhalt zu haben, dass man Themen hat, über die man sprechen kann, wo man weiß, der Mensch interessiert sich dafür auch, wenn er es vielleicht gar nicht mehr selber äußern kann.

00:05:12: Ich weiß, Sie haben auch beim letzten Atemzug einem Menschen schon die Hand gehalten, aber das ist nicht die Regel, oder?

00:05:19: Nee, den Glücksfall gibt es halt nicht immer.

00:05:23: Ich bezeichne es tatsächlich als Glücksfall, weil ich das als großes Geschenk empfinde, den letzten Atemzug eines Menschen zu begleiten.

00:05:31: Und wir sagen ja auch in der deutschen Sprache, jemand schenkt jemandem das Leben und so empfinde ich es als Geschenk jemandem bei dem letzten Atemzug begleiten zu dürfen.

00:05:43: Das ist ein sehr aufregender und gleichzeitig sehr beruhigender Moment.

00:05:49: Können Sie uns erzählen, wie Sie das erinnern, wie das war, als Sie das einmal gemacht haben?

00:05:53: Ja.

00:05:55: Es ist in all seiner Unterschiedlichkeit am Ende dann doch gleich, dass man von außen einige Zeichen wahrnimmt, dass es die letzten Minuten sind.

00:06:08: Die Atmung verändert sich, der Blick, so die Augen, die noch geöffnet sind, verändert sich und man spürt.

00:06:17: dass der Mensch sich auf einen Weg gemacht hat und dass er nicht mehr so ganz nah ist und dass er irgendwie davon geht.

00:06:23: Und das führt dann bei mir als Begleiterin zu einer riesen Aufregung zu so einem Adrenalinschub.

00:06:30: Also, so stelle ich mir wirklich ein Bungie-Sprung vor.

00:06:34: Und dann ist es halt so ein Aushalten, oh Gott, ist das jetzt der letzte Atemzug oder der nächste oder kommt noch einer?

00:06:41: Also, das ist wirklich sehr, sehr aufregend.

00:06:44: Und für den Sterbenden ist es aber, glaube ich, eine relativ ruhige Sache.

00:06:50: Ich habe das immer so erlebt, dass diese letzten Atemzüge geprägt waren von Ruhe, von Frieden, von einem Loslassen, von einem vielleicht auch schon irgendwie Ankommen woanders.

00:07:05: Es ist auf jeden Fall ein ganz großes und großartiges Gefühl.

00:07:10: Und das eben begleiten zu dürfen, ist schon der Wahnsinn.

00:07:15: Es ist so ein existenzieller Moment.

00:07:18: Es ist schon irgendwie eine Ehre dabei sein zu dürfen.

00:07:21: Ganz genau.

00:07:22: Eigentlich fühle ich mich dann tatsächlich auch immer sehr geehrt.

00:07:26: Und wenn mein Gefühl es dann zulässt und ich mal wieder durchgeatmet hab und so wieder bei mir angekommen bin, dann bedanke ich mich ganz oft auch bei den Menschen, dass sie mich haben dabei sein lassen.

00:07:37: Weil ich schon den Eindruck habe, so ein bisschen ist es eine ... Entscheidungen, die auch ein Sterben noch fällen kann.

00:07:44: Wer dabei sein soll und wann dann genau der Augenblick für den letzten Atemzug sein soll.

00:07:51: Ist das vergleichbar mit einer Geburt?

00:07:53: Sie haben das viermal erlebt.

00:07:55: Ich glaube, Geburten sind da noch ein bisschen anders, weil ja der Abschluss ein Freudiger ist.

00:08:02: Und viele Menschen freuen sich dann darüber.

00:08:04: Und ich glaube, das ist beim Tod dann eben eigentlich genau anders herum.

00:08:09: Aber ... Ich glaube, diese Aufregung und auf diesem Weg dahin und auch auf diesem kurzen Stückchen, dann erster Schrei und letzter Atemzug, ich glaube, das ist schon vergleichbar.

00:08:23: Wenn Sie sagen, Sie sehen da einen Frieden in den Menschen, wenn Sie gehen, wenn wirklich dieser Übergang stattfindet, gibt es Unterschiede im Sterben von jüngeren und älteren Menschen, Unterschiede bei Männern und bei Frauen.

00:08:40: Ich erkenne Unterschiede zwischen Männern und Frauen.

00:08:44: Nicht älter und jünger auch nicht.

00:08:46: Ich glaube, auch da sind wir in dem Moment des Sterbens alle doch ziemlich gleich.

00:08:51: Was mir aufgefallen ist, ich durfte schon mehrere Mütter beim Sterben begleiten und auch meinen eigenen Vater und habe dabei festgestellt, dass es für Eltern offensichtlich schwierig ist, vor ihren Kindern zu sterben.

00:09:05: Also vor den Augen ihrer Kinder, ich glaube.

00:09:08: dass man Mutter und Vater bis zuletzt ist und seinen Kindern das gerne ersparen möchte.

00:09:13: Und da erlebe ich es, dass die Sterbenden das so steuern, dass sie es schaffen zu sterben, wenn ihre Kinder nicht anwesend sind.

00:09:23: Extremste Situation, die ich da erlebt habe, ist, dass eine Dame ... eine alte Dame, deren Tochter im Rollstuhl saß und neben dem Bett ihrer Mutter im Rollstuhl saß, Stunde um Stunde nicht sterben konnte, nicht sterben wollte, nicht gegangen ist.

00:09:39: Und als die Tochter mit dem Rollstuhl für zwei Minuten zur Toilette verschwunden ist, in der Sekunde konnte die Mutter dann gehen, da hat sie ihren letzten Atem zugenommen, da war ich dabei.

00:09:49: Und das war für mich so ganz klar, nicht vor den Kindern.

00:09:54: Also das, ich glaube ... Da sind wir, Mütter und Väter, bis zum Schluss.

00:10:01: Das ist echt krass.

00:10:03: Das ist mir schon sehr häufig aufgefallen.

00:10:08: Auch bei einer Dame, die ich begleitet habe, die nur unwesentlich älter war als ich, deren erwachsene Söhne.

00:10:14: Da waren ... die sind aus dem Zimmer gegangen und dann konnte sie sterben.

00:10:19: Das war ... Ein nicht so schönes Sterben, weil das mit Schmerzen verbunden war und trotzdem war hinter der Frieden da, aber das hat sie nur geschafft, als ihre Söhne gerade nicht da waren.

00:10:32: Es gibt mehrere Beispiele dafür.

00:10:35: Oder auch ein Ehemann, der eine Runde mit dem Hundgassi geht und dann wieder kommt und die Frau ist verstorben.

00:10:43: Es ist ganz oft so, glaube ich, dass wir unsere Familien da schützen wollen und das sogar im letzten Moment noch funktioniert.

00:10:50: Wenn Sie sagen, Sie haben Ihren Vater verloren, ihn auch begleiten können in diesem Moment, Sie wissen, wie sich Trauer anfühlt, wissen also auch, was Angehörige brauchen in so einem Moment.

00:11:03: Genau, die Sterbebegleitung ist in dem Sinne auch schon eine Art von Trauerbegleitung, wobei es offiziell zur Trauerbegleiterin noch eine andere Ausbildung gibt, die ich nicht gemacht habe.

00:11:14: Dennoch würde ich schon sagen, dass ich auch schon viel Trauer begleite bei den Angehörigen.

00:11:20: Und natürlich kann ich das nachvollziehen, einfach weil auch schon Menschen in meinem Umfeld gestorben sind.

00:11:28: Auf der anderen Seite muss man auch sagen, dass die Trauer bei jedem anders sich auswirkt und sich ausprägt und auch aussieht und immer mal wiederkehrt.

00:11:37: Und die Trauer vor dem Sterben eines geliebten Menschen sicherlich auch noch ne anderes als die Trauer nach dem Tod eines geliebten Menschen.

00:11:46: Als Sterbebegleiterin darf man selbst ja auch oder sollte man selbst nicht trauern in dem Moment, in dem man einen Menschen begleitet, habe ich gelesen.

00:11:55: Also man muss schon in der Lage sein emotional auch einen Schritt zurückzugehen.

00:12:01: Ja, nee, das sollte das sollte sozusagen nicht vermischt werden.

00:12:05: Wenn man selber trauert, kann man glaube ich nur sehr schlecht einen einen sterbenen menschen und auch seine familie begleiten weil man selber emotional dann glaube ich sehr eingebunden ist.

00:12:17: ich habe das erlebt als ich eine freundin tatsächlich beim sterben begleitet habe.

00:12:23: da konnte ich während der zeit keine anderen begleitung vom hospice ein übernehmen weil ich gemerkt habe da braucht ich meine kraft für sie und das ist dann aber im rahmen des hospice eins auch immer vollkommen in ordnung.

00:12:36: Jetzt arbeiten Sie.

00:12:37: Sie stehen voll im Leben.

00:12:38: Sie haben vier Kinder.

00:12:40: Ich bin mir sicher zu Hause, es ist viel zu tun.

00:12:42: Es ist trubelig.

00:12:43: Ihr Leben ist voll.

00:12:46: Ein volles Leben.

00:12:47: Ist die Sterbebegleitung auch volles Leben für Sie gefühlt?

00:12:52: Oder ist das eben genau dieser andere Part, wo Sie das Gefühl haben, das ist mein Ausgleich?

00:12:59: Genau, das ist für mich mein Ausgleich.

00:13:01: Die Sterbebegleitung ist Mein Hobby, die Sterbebegleitung, ist meine Zeit.

00:13:05: Die Sterbebegleitung ist auch Zeit für mich, weil ich mich da gerade eben nicht um Job, Familie und Haushalt kümmern muss, sondern da darf ich meinen Interessen nachgehen.

00:13:15: Und die sind eben ... Mein Interesse ist es, Menschen zu begleiten, die in solchen schwierigen Phasen sind.

00:13:22: Und ich bekomme das ganz gut vereint.

00:13:25: Ich glaube genauso gut wie jemand, der ein anderes Hobby hat, was zeitintensiv ist.

00:13:30: Wobei ich mir ja auch selber aussuchen kann, wie zeitintensiv ich das so gestaltert.

00:13:34: Ich bin da sehr offen für die Verabredung von Terminen und Zeiten zur Begleitung.

00:13:42: Was bringt Ihnen persönlich das für Ihr Leben?

00:13:46: Mir bringt das eine ganz große Dankbarkeit für dieses Leben.

00:13:50: Und es bringt mich auch dazu immer zu sehen, was ich so alles hab und alles positive in meinem Leben zu sehen.

00:13:56: Und ... dass ist was, wo ich sehr dankbar bin und manchmal schon denke, darf ich so viel Gutes von so etwas Schrecklichem sozusagen mitnehmen.

00:14:06: Aber ich bin froh, dass ich da immer was Positives drin sehen kann, weil es mich so eben in meinem Leben auch begleitet und weiterbringt und glücklicher macht, zufriedener macht.

00:14:19: Haben Sie heute eine Vorstellung davon, wie Sie sterben möchten?

00:14:23: Also im besten Fall sieht meine Vorstellung so aus wie die Vorstellung von sehr vielen Menschen, glaube ich, dass ich im Kreise von Menschen, denen ich vertraue, die ich liebe, die ich im Leben gerne an meiner Seite hatte, dass ich die auch im Sterben an meiner Seite habe und dass sie davon nicht zurückzucken oder aus Sorge irgendwie, es könnte mich belasten, dann nicht dabei sind.

00:14:48: Also ich fände es schon schön, wenn viele Menschen um mich rumwehren, während ich ... meinen letzten Atemzug nehme.

00:14:54: Haben Sie Angst davor oder ist das etwas, wo Sie mit einer Entspannung drauf schauen, wenn Sie sich das vorstellen?

00:15:02: Ich hatte als Kind ganz große Angst vor dem Sterben.

00:15:04: Ich hatte insbesondere Angst, abends einzuschlafen, weil ich immer dachte, ich könnte am nächsten Tag ja nicht mehr wach werden und dann habe ich mich von niemandem verabschiedet.

00:15:11: Und da hatte ich eine ganz, ganz große Angst zu sterben und vor dem Tod.

00:15:16: Diese Angst ist überhaupt nicht mehr da, weil ich weiß, wie Sterben ablaufen kann, weil ich realisiert habe, dass wir nun alle sterben müssen irgendwann mal.

00:15:25: Das ist ja unausweichlich.

00:15:27: Und weil ich mittlerweile die Erfahrung gemacht habe, dass es auch schön sein kann.

00:15:34: Aber nicht schön sein muss.

00:15:35: Das heißt auch eine Sterbebegleitung, wo Sie gesehen haben, dieser Mensch kann nicht gut gehen, hatten Sie?

00:15:42: Ja, und trotzdem war das Sterben schön.

00:15:44: Also, ich war noch nie bei einem Unfalltod, oder bei einem plötzlichen Tod dabei.

00:15:52: Deswegen kann ich dazu nicht sagen, aber die Sterbenen, die ich begleitet habe, bei denen ich wirklich dabei sein durfte im letzten Moment, da war das jeweils ein schönes Sterben.

00:16:04: Dass das Sterben nicht in unser Leben passt, das ist klar.

00:16:07: Dass es immer zu früh ist eigentlich.

00:16:11: Gerade wenn junge Menschen sterben, das ist immer so.

00:16:15: dass sterben an sich, kann dann sehr schön sein.

00:16:18: Und ich hab es bis jetzt immer als sehr friedlichen, entspannten Moment wahrgenommen.

00:16:23: Was sind Hindernisse?

00:16:25: Was macht ein friedliches Sterben schwierig?

00:16:29: Ich glaube, ungeklärte Konflikte, ungeklärte Situationen, vielleicht innerhalb der Familie, können das erschweren.

00:16:38: Da hab ich die Erfahrung gemacht, dass ein Mensch, den ich begleitet hab, hat ... vor dem Tod mit mir zusammen noch ganz viele Dinge geklärt.

00:16:47: Innerhalb der Familie hat sich noch bei der Schwester entschuldigt und bei einer Freundin eine Situation geklärt.

00:16:56: Und ich hab dann hinterher, als der Mensch verstorben war, gemerkt, ah, okay, das hat dieser Mensch alles gemacht, um eben vorbereitet zu sein auf den Tod.

00:17:05: Und ich glaube, das wäre ein Hindernis gewesen.

00:17:08: Dann hätte dieser Mensch nicht so leicht sterben können.

00:17:12: Jetzt ist es ja im Christentum sehr tröstlich, dass wir eine Vorstellung vom ewigen Leben haben.

00:17:18: Merken Sie, dass das etwas ist, was Menschen im Sterben trägt?

00:17:25: Da ich nicht genau weiß, inwiefern die Menschen, die ich begleite, gläubig sind, weiß ich nicht, ob sie das dann als Trost sozusagen wahrnehmen.

00:17:36: Es ist bei einer Dame, von der ich weiß, dass sie, glaube ich, ist, da war es wirklich eine große Erleichterung und ein großer Frieden, in ihrem Gesicht zu sehen.

00:17:45: Und da hatte ich den Eindruck, dass sie sich jetzt bei Gott fühlt.

00:17:50: Das war so das, was ich wahrnehmen konnte von dem, was man eben somit kriegt, wenn man nur daneben sitzt.

00:17:56: Aber ich höre auch raus, weil man, glaube ich, stirbt es sich nicht leichter.

00:18:00: Oder ist das loslassen vielleicht insgesamt nicht per se leichter?

00:18:04: In meiner Erfahrung nach sind wir da alle gleich und es gibt keinen Unterschied zwischen gläubigen und nicht gläubigen Menschen oder gläubigen und Menschen, die noch was anderes glauben.

00:18:16: Ich glaube, in dem Moment des Todes spielt das keine Rolle.

00:18:20: Ich kann mir vorstellen, dass das vorher sehr, sehr wichtig ist.

00:18:23: Wenn noch so viel Bewusstsein da ist, dass man sich Gedanken machen kann, dass man sich eine Vorstellung machen kann, dann spielt sicherlich der Glauben eine ganz große Rolle.

00:18:31: Aber ... In dem letzten Moment ist das nicht mehr so.

00:18:36: Was gibt es ansonsten für Themen, die Sie besprechen mit den Menschen, die Sie begleiten?

00:18:40: Sie haben gesagt, es wird noch was ausgeräumt, mit der Familie noch was geklärt.

00:18:46: Es gibt traurige Themen, es müssen noch Sachen geklärt werden.

00:18:49: Es gibt noch Gespräche in Familien.

00:18:52: Es gibt auch einfach Alltagsgespräche, dass jemand auf jeden Fall noch mal Kartoffelpüree und Sauerkraut essen möchte.

00:18:58: Es gibt auch lustige Gespräche.

00:19:02: Wo man einfach herzhaft zusammen lacht, es gibt viele Gespräche über Erinnerung, an schöne Dinge im Leben, viel, was mit Familie zu tun hat.

00:19:12: Und ich habe auch schon mit einer Dame, die ich begleitet habe, geschimpft, weil sie ... Ihren Lebensgefährten nicht ganz so freundlich behandelt hat.

00:19:20: Gott sei Dank konnte sie das gut auffassen.

00:19:22: Wir haben dann beide über die Situation gelacht und sie war am Ende dankbar, dass ich ihr diese Kritik hab, zu teilkommen lassen, weil sie dann ihr Verhalten noch ändern konnte.

00:19:32: Es ist so unterschiedlich, wie wir das auch in Gesprächen mit Menschen ohne Hintergrund des Sterbens führen.

00:19:40: Welche Rolle spielen Rituale?

00:19:42: Auch da haben wir im Christentum natürlich eine Fülle, aus der wir schöpfen können.

00:19:45: Also wenn man jetzt, weiß ich nicht, darüber nachdenkt, ein letztes Gebet zusammenzusprechen, vielleicht eine Rosenkranz zu beten, oder auch an die ganze Trauerkultur oder eine Trauerfeier so was zu organisieren, sich da Gedanken zu machen, Musiken auszuwählen, solche Geschichten.

00:20:01: Sind das Dinge, die Halt geben?

00:20:04: Ich glaube, die geben den trauernden Menschen dann halt.

00:20:09: Gerade bei der Organisation einer Trauerfeier ist ja viel gefordert.

00:20:13: Ich glaube, das ist auch immer so ein bisschen eine Leitplanke auf dem Weg, dass man nicht vom Weg abkommt.

00:20:21: Weil man doch in dem Moment, wo jemand stirbt, sehr haltlos ist.

00:20:26: Und da können einem solche organisatorischen Sachen einfach halt geben.

00:20:30: Wie das mit gebeten ist, ich glaube, die geben auch den Angehörigen einen großen Halt.

00:20:37: Und ich hab oft schon den Eindruck bekommen, dass es den Angehörigen hilft, wenn gebetet wird oder wenn da irgendein Ritual abgehalten wird.

00:20:49: Das gibt den Angehörigen Halt.

00:20:51: Dem sterben denn er nicht in dem Moment?

00:20:53: Ich glaube, es tut uns drum herum dann gut.

00:20:57: uns vorzustellen, dass es dem Sterbenden auch Halt geben könnte.

00:21:02: Was genau dann im Kopf des Sterbenden vorgeht, kann ich natürlich nicht sagen.

00:21:05: Vielleicht ist da auch eine Art von Halt und Glück und Frieden dann vorhanden, wenn man weiß, ah, jetzt wurde noch mal ein Vater unser für mich gesprochen.

00:21:17: Können Sterbende das, was sie anbieten, immer zulassen?

00:21:21: Ich hab die ganze Zeit dieses Bild im Kopf, wie sie ... Die Handhalten eines sterbenden Menschen ist so eine körperliche Nähe, spielt das immer eine Rolle?

00:21:29: Will das vielleicht auch nicht jeder?

00:21:31: Genau, das ist meine Aufgabe, das zu erspüren.

00:21:33: Wie weit ich da gehen darf, darf ich jemandem die Hand reichen, möchte der Mensch das gar nicht.

00:21:40: Das ist auch... etwas, was wir in der Ausbildung gelernt haben, was man aber letzten Endes durch die Erfahrung auch lernt, dass jeder Mensch etwas anderes braucht.

00:21:49: Der eine braucht ein Handhalten, einen in den Arm nehmen, körperliche Nähe, der andere braucht das gar nicht.

00:21:55: Der eine möchte noch sprechen über wichtige persönliche Dinge und der andere wendet sich eher ab.

00:22:01: Und da ist es an mir, das sehe ich als meine Aufgabe, das zu erspüren.

00:22:06: auch immer in dem Moment.

00:22:07: Und auch meine Bedürfnisse da, total zurückzustellen.

00:22:10: Ich bin ein sehr körpernaher Mensch.

00:22:14: Ich nehm gerne Menschen in den Arm, gebt denen die Hand.

00:22:16: Aber das darf ich nicht jedem aufdrücken, nur weil ich meine, ich bin hier die Sterbebegleitung.

00:22:20: Ich sag Ihnen mal, wo es lang geht.

00:22:23: Das ist tatsächlich ein schwieriges Feld, was auch manchmal nicht so gut zu realisieren ist.

00:22:30: Ich hatte da eine ... ganz besondere Situation mit einer Dame, die ich letztens begleitet habe, die nicht mehr in der Lage war, sich zu bewegen, auf gar keine Art und Weise.

00:22:39: Von der ich aber durch die Tochter wusste, dass sie es mag, wenn man ihre Hand hält und einfach so ein bisschen für sie da ist.

00:22:47: Und ich habe ihr dann tatsächlich meine Hand, sozusagen, sie lag in einem Bett und ich habe dann meine Hand neben ihr gelegt, sodass sie nur spüren kann, dass meine Hand da ist, sodass sie gerade noch ... selber entscheiden kann, nimmt sie meine Hand, bewegt sie ihre Hand oder nicht.

00:23:03: Und das war schon ein bisschen wie ein Grenzübertritt.

00:23:07: Bei einem gesunden Menschen hätte ich das sicherlich nie gemacht.

00:23:10: Bei ihr wusste ich, dass sie sich nicht bewegen kann.

00:23:13: Ich habe meine Hand daneben ihre gelegt und sie hat es geschafft, ihre Hand dann auf meine draufzulegen und hat ihren Daumen bewegt.

00:23:20: Das war für mich ein im doppelten Sinne bewegender Moment, weil sie mir da deutlich signalisiert hat, ja, ich möchte das.

00:23:27: bei allem, was sie nicht mehr konnte.

00:23:29: Das konnte sie da noch zeigen.

00:23:31: Und das war schon schön, weil ich dann wusste, ich kann ihr das geben, was sie braucht, nämlich Hand halten, ein bisschen die Hand massieren.

00:23:39: Und sie hat dann am Ende ganz freundlich, ganz leicht zweimal auf meinen Handrücken geklopft.

00:23:44: Und das war so richtig so ein Zeichen.

00:23:45: So, danke schön, das reicht, das war schön.

00:23:48: Und das sind echt so Glücksmomente, wo man dann rausspürt.

00:23:52: Okay, ich hab hier grad genau das Richtige gemacht.

00:23:55: Wir reagieren Freunde und Familie.

00:23:57: auf ihr Ehrenamt.

00:24:00: Ja, die kennen mich mittlerweile und die finden das nicht mehr so irritierend.

00:24:06: Menschen, die ich kennenlerne und denen ich das erzähle oder die das einfach noch nicht über mich wissen, die reagieren wie viele und sagen, ich könnte das nicht.

00:24:15: Das ist eine meiner Lieblingsreaktionen, weil ich darauf dann sagen kann, jeder kann ja was anderes gut.

00:24:21: Und ich hab das geschenkt bekommen, dass ich nun das gut begleiten kann.

00:24:26: Ich kann andere Dinge nicht.

00:24:28: Dann immer mit dem Beispiel der Steuererklärung, wo ich immer denke, das könnte ich nicht auf gar keinen Fall.

00:24:35: Wir haben eine traditionelle Abschlussfrage beim Himmelklapp-Podcast.

00:24:38: Und zwar ist das die Frage, was gibt Ihnen ganz persönlich Hoffnung?

00:24:43: Hoffnung.

00:24:44: Schöpfe ich aus meiner Arbeit mit Kindern und aus der Idee, die Kinder so für die Zukunft haben und ... Das macht mir Hoffnung, meine Beschäftigung mit Kindern und dabei, dass ich zugucken darf, wie die groß werden.

00:24:59: Ganz herzlichen Dank.

00:25:01: Sehr gerne.

00:25:01: Das ist eine Reihe.

00:25:09: Himmelklar zum Thema Sterbebegleitung.

00:25:12: Ihr hört unseren Podcast, eine Kooperation von katulisch.de und domradio.de.

00:25:17: Übrigens überall, wo es Podcasts gibt.

00:25:19: Und ihr könnt auch gerne einen Kommentar da lassen auf himmelklar.de.

00:25:24: Mein Name ist Verena Tröster.

00:25:25: Ich bedanke mich ganz herzlich fürs Zuhören.

00:25:27: Schön, dass ihr dabei wart.

00:25:28: Untertitel im Auftrag des ZDF.

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