#295 Pfarrerin Stephanie Hecke – Jeder Mensch ist einsam

Shownotes

Einsamkeit gehört zu uns Menschen. Mancher begegnen ihr nur punktuell im Leben, bei anderen bleibt sie länger, die stille Gefährtin der Einsamkeit. Die Pfarrerin und Diakoniewissenschaftlerin Stephanie Hecke kennt die Gründe, weshalb sich immer mehr Menschen einsam fühlen und sie beleuchtet das Phänomen der Einsamkeit aus verschiedenen Perspektiven: Wissenschaftlich – wie lässt sich Einsamkeit erklären; Empirisch – wie wird sie von Betroffenen erlebt; und auch politisch – wieso ist unsere Demokratie gefährdet, wenn Einsamkeit verstärkt um sich greift? Im Podcast erzählt Hecke von eigenem Einsamkeitserleben und teilt Ideen, wie wir sie überwinden können.

Transkript anzeigen

00:00:12: Euer Himmelklar Podcast ist aus der Winterpause zurück.

00:00:15: Ich bin Verena Tröster und ich freue mich heute auf das Thema Einsamkeit.

00:00:20: Betrifft euch nicht?

00:00:22: Dachte ich auch.

00:00:23: Über mich und auch über meine Gesprächspartnerin.

00:00:26: Stephanie Hecke ist das, thirty-fünf Jahre alt, evangelische Theologin und Diakoniewissenschaftlerin.

00:00:32: Ich habe gedacht, die gehört ganz bestimmt nicht in die Gruppe der Einsamen.

00:00:36: Trotzdem würde ich sagen, ich gehöre zu den Totalpotenzielleinsamen, weil ich davon ausgehe, dass eigentlich jeder Mensch ein potenziell einsamer Mensch ist.

00:00:46: Und wir alle Einsamkeitserfahrungen haben, ganz egal, wie in welchen Konstellationen wir leben.

00:00:52: Auch ich merke in der Vorbereitung auf dieses Gespräch, es gab durchaus Phasen in meinem Leben, da war ich richtig einsam.

00:00:59: Ich wusste es aber nicht.

00:01:01: Stefanie Hecke hat ein Buch geschrieben über die Einsamkeit, Die stille Gefährtin heißt es, Einsamkeit verstehen und überwinden.

00:01:09: Ganz herzlich willkommen hier bei uns im Podcast Himmel.

00:01:12: Schön, dass du da bist.

00:01:14: Ich freu mich, dass ich hier sein darf.

00:01:17: Was würdest du sagen, wo hast du in deinem Leben echte Einsamkeitserfahrungen gemacht?

00:01:24: Ich kann gerne ein paar Beispiele erzählen.

00:01:27: Eine Erfahrung, die mir total in Erinnerung ist, das war meine erste und deutlichste Erfahrung mit der Einsamkeit.

00:01:34: Als ich zum ersten Mal allein in den Urlaub gefahren bin, das kennen vielleicht manche, die auch gerne allein verreisen.

00:01:40: Und es war gar nicht diese Reise an sich, die hat total gut funktioniert und mir viel Freude gemacht.

00:01:45: Es war eine besondere Erfahrung in dem Urlaub, nämlich das Abendessen im Hotel.

00:01:51: Und das wiederum kennen glaube ich wirklich viele Menschen, wenn man alleine essen geht.

00:01:55: Alleine

00:01:56: essen, das geht irgendwie nicht.

00:01:57: Das war für mich schon wirklich eine total besondere Erfahrung, weil ich einfach da in das Restaurant gegangen bin.

00:02:02: Ich habe mich total gefreut auf das Abendessen.

00:02:05: Und dann wurde ich vom Kano schon so ein bisschen komisch angeschaut, dass ich da alleine komme als junge Frau.

00:02:11: Und dann hat er auch zweimal nachgefragt, ob ich wirklich alleine bin.

00:02:14: Und ich habe zweimal gesagt, ja, ich möchte alleine jetzt zu Abendessen.

00:02:18: Und er hat mich eben dann an den Tisch geführt, der aber natürlich für zwei Personen eingedeckt

00:02:22: war.

00:02:22: Ja, dann wird ein Gedeck weggeräumt.

00:02:24: Ja, und das ist schon ein ganz, ganz, ganz komisches Gefühl.

00:02:27: Und da habe ich mich wirklich unwohl gefühlt am Anfang.

00:02:31: Und dann je länger ich dort saß, bin ich richtig einsam geworden.

00:02:34: Also ich habe dann um mich herum natürlich die Menschen beobachtet und wahrgenommen.

00:02:38: Ich war die Einzige, die allein essen war.

00:02:41: Ich mache das eigentlich häufig.

00:02:42: Ich gehe auch gerne alleine ins Café.

00:02:44: Da ist mir das noch nie so aufgefallen.

00:02:46: Aber diese Situation, Abendessen, hab ich gemerkt, ist echt was Besonderes.

00:02:50: Da waren überall Menschen um mich herum.

00:02:52: Es war eine total ausgelassene, schöne Atmosphäre.

00:02:57: Und ich hab mich echt mit jedem Moment, hab ich mich da ... einsam gefühlt.

00:03:01: Und das hat mir, also das ist so ein kleiner Moment, der war nicht schlimm, aber da habe ich gemerkt, das braucht gar nicht erst so eine große Krise oder eine Katastrophe im Leben, um sich einsam zu fühlen, sondern diese Erfahrungen, ich denke, die machen wir eigentlich hin und wieder, machen wir die alle.

00:03:16: Wenn wir dieses Gefühl der Einsamkeit mal versuchen, so ein bisschen einzukreisen, was das eigentlich ist, also an dem Beispiel sieht man ja schon ganz deutlich, es ist nicht das Alleinsein, das ist es nicht.

00:03:26: Du warst beim Abendessen Mit vielen Menschen in einem Raum.

00:03:30: Was ist es denn?

00:03:33: Ja, vielen der Ansprache gehört sicher dazu.

00:03:36: Auf jeden Fall ist es nicht das Alleinsein.

00:03:39: Das ist wirklich ein ganz großer Unterschied.

00:03:41: Das Alleinsein beschreibt für mich viel eher ein Zustand.

00:03:45: Also bin ich alleine?

00:03:47: Sind da tatsächlich noch Menschen, um mich herum oder nicht in diesen Situationen da im Rest?

00:03:52: So, da war ich nicht allein, da waren Menschen um mich herum.

00:03:56: Andererseits, wenn ich allein in meiner Wohnung bin, fühle ich mich nicht automatisch an.

00:04:01: Und das ist jetzt der Unterschied.

00:04:02: Das Alleinsein ist ein Zustand und das sich einsam fühlen ist ein Gefühl.

00:04:08: Also es ist eine Wahrnehmung, die auch jeder Mensch ganz unterschiedlich empfindet.

00:04:13: So im ganz groben kann man sagen, dass man sich dann einsam fühlt.

00:04:18: wenn man wie so einen negativen Unterschied spürt zwischen den Beziehungen, die man sich wünscht und den Beziehungen, die man tatsächlich hat.

00:04:26: Also wenn es da einen Unterschied gibt.

00:04:27: Und es kann über längeren Zeitraum sein, es kann aber auch punktuell sein, wie in diesem Restaurantbeispiel, in diesem einen Moment, da habe ich mir eben jemand gewünscht, der dann da ist.

00:04:35: Also wenn es da einen Unterschied gibt zwischen den Beziehungen, die ich mir wünsche, sowohl von der Anzahl der Menschen, aber auch von der Qualität sozusagen, diese Beziehungen und denen, die tatsächlich da sind.

00:04:46: Ja, das heißt, es geht auch darum, gesehen zu werden und dass man jemandem wichtig ist, dass man so in Verbindung ist.

00:04:54: Ja, auf jeden Fall.

00:04:56: Ich denke, wir alle brauchen Beziehungen.

00:04:58: Wie wir alle Luft brauchen zum Atmen, so brauchen wir alle Beziehungen zum Leben.

00:05:03: Das ist ein Menschheitsding, das steckt in uns drin.

00:05:06: Unsere Vor-vor-vorfahren haben andere Menschen gebraucht, weil man ohne das Rudel dem Tode ausgesetzt war.

00:05:14: Man hat Menschen gebraucht, um überleben zu können, andere Menschen.

00:05:18: Das ist jetzt heute ja nicht mehr so, aber in einem emotionalen ist es trotzdem noch so geblieben.

00:05:23: Wir brauchen entgegenüber ein menschliches Gegenüber, indem wir uns selbst erkennen, indem wir erkennen, wer wir eigentlich selbst sind, indem wir auch wahrnehmen können, welche Bedeutung habe ich für andere Menschen, wo ist mein Platz in dieser Welt?

00:05:38: Also in der Begegnung mit dem anderen Menschen entdecken und finden wir uns selbst.

00:05:42: Deswegen ist es so unheimlich wichtig in... In Beziehungen zu sein und in Beziehungen zu leben, ganz egal ob das Liebesbeziehungen sind oder freundschaftliche Beziehungen oder kollegiale Beziehungen, so darum geht es gar nicht in erster Linie, aber überhaupt in so eine Struktur von Beziehungen und von Verbundenheit eingeboben zu sein.

00:06:02: Du hast ein Buch geschrieben über die Einsamkeit, hast dir das ganze wissenschaftlich angeguckt, aber auch empirische Erhebungen gemacht, mit vielen Menschen gesprochen, die Einsamkeitserfahrungen auf ganz unterschiedlichen Ebenen auch gemacht haben.

00:06:14: Ich mag den Titel sehr von dem Buch, weil du schreibst Einsamkeit, die stille Gefährtin.

00:06:19: Ist die Einsamkeit immer da, also eine Gefährtin, die einen durchs Leben begleitet und mal stärker zum Vorschein kommt und mal weniger stark da ist?

00:06:30: Ja, ich würde das genauso beschreiben.

00:06:33: Das Einsamkeit zu den Gefühlen gehört, das einfach menschliches Leben ausmacht.

00:06:40: Genauso wie wir auch alle Menschen im Laufe unseres Lebens.

00:06:45: Traumal empfinden, genauso wie wir aber auch tiefe Freude oder ganz großes Glück empfinden können, dass genauso auch Einsamkeit und fasende Einsamkeit einfach zum menschlichen Leben mit dazugehört.

00:06:56: Und das ist deswegen, wie eine Gefährtin ist, dieses Gefühl, die das ganze Leben so ein Stück weit mit uns geht.

00:07:01: Aber natürlich, da gibt es einen ganz großen Unterschied.

00:07:04: Denn dann, wenn wir, sag ich mal, nicht so stark unter der Einsamkeit leiden, Dann haben wir einfach so Episoden oder Phasen oder Erlebnisse, wie das, was ich aus dem Restaurant geschlittert habe, in dem wir uns eben mal einsam fühlen und dann eben auch wieder nicht mehr.

00:07:19: Und das verändert sich dann, wenn Menschen über einen längeren Zeitraum oder wirklich sich sehr intensiv einsam fühlen.

00:07:25: Und dann ist es kein Pferden mehr, die kommt und geht, sondern dann wird sie wirklich zur Begleitung.

00:07:31: Und dann tritt auch eine Situation einen der Einsamkeit für Menschen wirklich gefährlich werden kann, in der sie uns krank machen kann, in der wir an uns selbst zweifeln.

00:07:40: Also da, finde ich, müssen wir sehr, sehr unterscheiden so zwischen der Einsamkeit, die wir alle kennen und die zum Leben dazugehört und zwischen auch den Frauen von Einsamkeit, die wirklich Menschen in ganz große Lebenskrisen stützen können.

00:07:51: Man hört ja jetzt immer mehr, diese Nachricht, immer mehr Menschen betrifft das.

00:07:57: Statistisch, kann man sagen, wie viele Menschen in Deutschland das betrifft?

00:08:03: Ja, da gibt es sehr viele unterschiedliche Studien, aber so ganz grob kann man sagen, ungefähr jede neunte Person in Deutschland gibt an sich einsam zu fühlen.

00:08:13: Klassischerweise war es vor allem immer alte ältere Menschen.

00:08:17: Und so seit der Pandemie ungefähr hat sich das in den Statistiken zur Einsamkeit geändert, dass junge Menschen, die Altersgruppe sind, die die höchsten Einsamkeitsbelastungen aufweisen.

00:08:29: In recht aktuellen Jugendstudien sieht man das auch an den Zahlen.

00:08:32: Also da gibt jede fünfte jugendliche Person an, sich heul ich sehr einsam zu fühlen, also in der höchsten Einsamkeitskategorie.

00:08:40: Und das sind natürlich schon sehr deutliche Zahlen.

00:08:43: Woran liegt das?

00:08:45: Ja, das ist die Gretchenfrage, woran das liegt.

00:08:48: Also zum einen denke ich bzw.

00:08:51: Ich bin mir gar nicht so sicher, ob wir wirklich einsamer geworden sind oder ob das nicht eigentlich immer schon ein Phänomen war, dass eben in gewissen Zeiten, vielleicht auch wenn die Welt ein bisschen wankt und krisenhaft ist, wie sie jetzt momentan ist, Menschen sich einsam fühlen.

00:09:05: Aber auf jeden Fall kann man feststellen, dass wir momentan total positiv ist, diese Tabuisierung und Stigmatisierung von Einsamkeit schon stückweit gebrochen haben.

00:09:17: Also auf einmal wird ganz viel über Einsamkeit gesprochen.

00:09:20: Und das führt dazu, dass mehr Menschen auch von ihrer eigenen Einsamkeit erzählen.

00:09:24: Und deswegen wirkt es häufig so, als wären wir auf alle viel einsamer, ob wir es tatsächlich sind oder ob wir einfach inzwischen mehr Gesprächsräume haben und vielleicht auch mehr Mut gefunden haben, darüber zu sprechen, was ja auch eine extrem positive Entwicklung ist.

00:09:37: So, das kann ich jetzt nicht so gut bewerten.

00:09:41: Aber dass es auf jeden Fall so ist, dass wir gerade in einer Zeit leben, in der sich sehr, sehr, sehr viele Menschen einsam fühlen.

00:09:47: Das ist auf jeden Fall so.

00:09:48: Es hat super viele unterschiedliche Gründe.

00:09:52: Ich glaube, da kann auch jeder sich so ein bisschen selbst befragen, wo man das liegt, was sich vielleicht verändert hat.

00:09:58: Was man vielleicht so ganz übergreifend sagen kann, dass es einfach so Trends gibt in unserer Gesellschaft, die nicht automatisch dazu führen, dass wir einsamer geworden sind, aber die das schon beflügelt oder gestärkt haben.

00:10:13: Und das sind also so, sag ich mal, ein paar Stichworte, dass wir einfach in einer Gesellschaft der Individualisierung leben.

00:10:19: Also es geht viel, viel mehr um das einzelne Individuum und viel weniger um Solidarität und um Gemeinschaft.

00:10:27: Das sieht man zum Beispiel daran, dass... Unheimlich viele Menschen alleine leben.

00:10:31: Das hat sich ganz arg verändert in den letzten zwanzig, dreißig Jahren.

00:10:34: Und das heißt überhaupt nicht, dass wenn man alleine lebt, dass man dann einsam wird.

00:10:37: Das ist kein automatischer Zusammenhang.

00:10:40: Aber noch vor gar nicht allzu langer Zeit haben Familien in großen Verbünden einfach zusammengelebt.

00:10:47: Und heute geht es ganz vielen Menschen so, dass sie alleine leben.

00:10:49: Auch jungen Menschen geht es so, die zum ersten Mal ausziehen, zum Beispiel, weil sie eine Ausbildung machen oder zum Studium weggehen.

00:10:56: Es ihnen aber schwer fällt, dann neue Kontakte zu finden an dem neuen Ort, wo sie wohnen und da in solchen neuen, modernen Formen von Einsamkeit geraten.

00:11:06: Die Digitalisierung hat bestimmt auch ganz viel dazu beigetragen, wenn man sich überlegt, dass dieses Einsamkeitsgefühl ja auch ein Gefühl ist, von nicht dazu zu gehören oder vielleicht nicht gut genug zu sein, an sich selbst zu zweifeln und wer auf Social Media ununterbrochen das perfekte Leben vorgelebt vorgespielt bekommt, dem verstärkt sich dieses Gefühl vielleicht auch noch.

00:11:31: Auf jeden Fall.

00:11:32: Das ist ja so eine ganz interessante Sache mit der Digitalisierung und mit den sozialen Medien, weil wir auf der einen Seite so vernetzt sind, wie wir es noch nie jemals eine Generation vor uns war.

00:11:44: Wir können ja jederzeit Kontakt mit anderen Menschen aufnehmen und wir gleichzeitig so einsam sind, wie wir es noch nie waren.

00:11:50: Und daraus leite ich schon auch ab, dass die sozialen Medien durch die Art und Weise, wie wir Beziehungen gestalten, dass das was verändert hat.

00:11:58: Und es liegt sicher zum einen daran, dass man halt vielen Menschen bei deren Leben zuschaut.

00:12:04: Und dann merkt man irgendwann am Samstagabend, dass man ganz alleine bei sich zu Hause sitzt, das Handy in der Hand hat, anderen Menschen zuguckt, wie ihr die irgendwie feiern und kochen und irgendwas machen und man selbst aber einfach alleine da sitzt.

00:12:16: und dass man diesen Menschen, den man da zuschaut beim Leben, dass man die ja auch nicht wird anrufen können, wenn es mal einem nicht so gut geht oder wenn man mal einen Kaffee trinken gehen möchte.

00:12:25: Also, dass da schon so eine Verschiebung hat, wie wir Beziehungen leben und das nicht mehr unbedingt so die Beziehungen vor Ort sind, dass man sich auf den Fußballplatz trifft oder dass man sich in der Kneipe trifft, sondern dass man halt ja über die digitalen Medien sich trifft und dadurch ... Ich sag mal diesen Hunger, den wir alle haben, nach Beziehungen, nach Gegenüber, dass der nicht gesättigt wird, so wie das noch in, sag ich mal, in der Zeiten vor den sozialen Medien auf jeden Fall so der Fall war.

00:12:52: Ich hab für mich die Erkenntnis kam mir erst beim Lesen des Buches für mich festgestellt.

00:12:57: Ich war sehr einsam in der Zeit, als ich mit einem neugeborenen Kind zu Hause war.

00:13:01: Das hatte ich zweimal.

00:13:03: Meine zwei Kinder mit mir allein zu Hause und mein Mann ging wieder arbeiten.

00:13:09: ist mir erst beim Lesen des Buches aufgefallen.

00:13:12: Was war dieses schlechte Gefühl, was mich da beschlichen hat?

00:13:15: Das war Einsamkeit.

00:13:17: Und da denke ich gerade, da war Social Media allerdings für mich sehr ambivalent.

00:13:22: Zum einen hatte ich da irgendwie, das war mein Fenster nach außen und ich habe gesehen, so was verpasse ich gerade alles in Anführungsstrichen.

00:13:31: Gleichzeitig habe ich aber auch andere Mütter in derselben Situationen über Social Media.

00:13:36: gesehen und hab gedacht, na ja, auch andere sind gerade zu Hause und haben so eine Pause mit Baby zu Hause, die ja auch wichtig ist und die man braucht.

00:13:45: Also das hat auch immer irgendwie zwei Seiten,

00:13:49: ne?

00:13:49: Absolut, das ist ein ganz tolles Beispiel.

00:13:51: Ich kenne das vor allem von Menschen, die zum Beispiel Angehörige pflegen oder die zu Hause ein krankes Kind haben oder ein Kind mit einer Behinderung, die einfach deswegen ... nicht mehr so stark einfach im sozialen Leben teilhaben können, weil sie einfach total gebunden sind an ihrer Aufgabe zu Hause.

00:14:08: Und von denen höre ich das ganz oft, wenn ich über das Thema Einsamkeit spreche, genau wie du es gerade schildest, diese Ambivalenz, dass man zum einen irgendwie merkt, was man eigentlich alles verpasst, indem man eben in sozialen Medien schaut.

00:14:21: Und gleichzeitig findet man eben Menschen, denen es genauso geht.

00:14:24: Also ich finde, das hat total große Lichtseiten und hat aber auch Schattenseiten.

00:14:29: Und ich denke da ganz arg vor allem an junge Menschen, die das glaube ich noch nicht so gut absahieren können oder voneinander unterscheiden können.

00:14:37: Und denke deswegen gerade, gerade wenn man an junge Menschen denkt und an das Thema Einsamkeit, die so hohe Einsamkeitswerte haben und man weiß auch, da sind super viele in den sozialen Medien unterwegs, dass wir da einfach noch eine andere und bessere Art von Aufklärung brauchen, um junge Menschen zu schützen, dass sie da so arg in diese Einsamkeitsfalle tappen.

00:14:56: Warum ist es so schwierig, offen darüber zu sprechen?

00:15:00: Einsamkeit macht Menschen still und bringt Menschen zum Schweigen.

00:15:05: Und ich glaube, nach den Gesprächen, die ich geführt habe mit den Menschen, dass es daran liegt, dass wir uns für das Gefühl, dass wir einsam sind, schämen, weil man Im Endeffekt an sich selbst zweifelt.

00:15:20: Also, wenn man sich fragt, nun ja, die anderen, die ich beobachte, egal, ob im Internet oder auch im realen Leben, die anderen, die schaffen das ja irgendwie, dass sie ein Partner oder eine Partnerin finden.

00:15:33: Die anderen, die haben ja eine Familie bekommen.

00:15:35: Die anderen, die haben ja ein Freundeskreis.

00:15:37: Die haben ja irgendwie toll Freunde, mit denen sie am Wochenende was unternehmen.

00:15:42: Wenn das bei mir also nicht so ist.

00:15:44: Dann muss an mir irgendwas nicht stimmen.

00:15:47: Dann muss es an mir irgendwas geben, was sozusagen die anderen von mir fernhält.

00:15:51: Ich glaube, dass es genau dieses Gefühl, das Selbstwertgefühl eben von Menschen anzweifelt, indem man sehr anfängt, einfach schlechte Bilder von sich selbst zu haben und wo man sich über sich selbst stellt.

00:16:06: Und dann so eine ganz gefährliche Dynamik anfängt.

00:16:08: Man schenkt sich für dieses Gefühl und dann fängt man an sich zurückzuziehen.

00:16:13: Und dadurch hat natürlich noch weniger Kontakte.

00:16:16: Also das ist so eine Dynamik aus irgendwie Scham, Rückzug, Einsamkeit.

00:16:21: Und wenn man so eine Spirale mal drin ist, ist es richtig schwierig, da wieder rauszukommen.

00:16:25: Die Crux ist ja auch, man vermutet Einsamkeit nie bei den anderen.

00:16:30: Also wenn ich mir jetzt überlege in meinem Freundes- und Bekanntenkreis, ja, mir fallen da vielleicht zwei Namen ein, von in diesem Fall älteren Personen, bei denen ich einfach weiß, die können nicht mehr so viel unterwegs sein.

00:16:42: Eine Dame, die ist aus dem Chor, in dem ich singe, ausgetreten.

00:16:46: Da frage ich mich manchmal, hat sie jetzt noch eine Gruppe, zu der sie sich zugehörig fühlt?

00:16:51: Ich weiß, sie hat keine Kinder.

00:16:53: Aber eigentlich vermute ich das bei kaum jemandem, dass die anderen Personen einsam sind.

00:17:00: Wenn du jetzt aber sagst, Einsamkeit ist sowas total normales, das ist ja ein Gedanke, der schon unheimlich helfen kann.

00:17:06: Ja, der Gedanke kann unheimlich helfen und vor allem habe ich... Ich habe die Erfahrung gemacht, dass, wenn man anfängt, über Einsamkeit zu sprechen, dass man dann auch viel mehr mitbekommt, dass sich die anderen eben auch so fühlen.

00:17:19: Also für mich war das wirklich eine so meine Schlüsselerkenntnisse, als ich angefangen habe, dieses Buch zu schreiben, dass ich, weil ich eben aus beruflichen Gründen viel mit Einsamkeit konfrontiert war, und ich habe davon erzählt, nicht nur meinen Kolleginnen und Kollegen, sondern auch halt so im privaten Umfeld meiner Familie, meinen Freunden und so weiter.

00:17:36: Und ich war so erstaunt und so überrascht, dass als Reaktion auf diese Erzählungen von mir mir ganz viele Menschen aus meinem... privaten, nahen Umfeld darauf reagiert haben, indem sie mir von sich selbst erzählt haben, wann und wie sie sich einsam fühlen.

00:17:51: Und es waren genau die Menschen, die du gerade ansprichst, von denen ich nie gedacht hätte, dass Einsamkeit für die ein Thema sein könnte.

00:17:58: Und zwar für mich ein totaler Augenöffner, in dem ich gemerkt habe, ja, das sind Menschen, die leben in Beziehungen, die haben eine Familie, die sind beruflich erfolgreich, die fahren in den Urlaub, die haben eigentlich alles, was man so von außen sich vorstellt, was doch ein tolles, glückliches Leben, garant ist, aber es ist eben kein Schutz davor, sich einsam zu fühlen.

00:18:17: Also es betrifft wirklich sehr, sehr, sehr viel mehr Menschen, als man das denkt.

00:18:22: Es betrifft eigentlich alle sozialen Milieus und alle Generationen.

00:18:27: Und es hängt eben damit zusammen, was ich ganz zu Beginn versucht habe zu sagen, nämlich, dass jeder Mensch das unterschiedlich erlebt, sozusagen diesen Unterschied zwischen den Beziehungen, die man hat und die man sich wünscht.

00:18:40: Also auch immer eine ganz tolle Beziehung lebt.

00:18:42: Da gibt es auch in einer Beziehung, in einer Liebesbeziehung oder in einer Familie, gibt es Phasen, in denen man sich nicht verstanden fühlt von dem Gegenüber.

00:18:50: Und dann kann es trotzdem sein, dass man abends zusammensitzt beim Abendbrotisch, man ist de facto nicht allein, aber man fühlt sich nicht verstanden von den anderen.

00:18:59: Man fühlt sich den anderen nicht so nah, man fühlt sich nicht verbunden, wenn man das Gefühl hat, ich werde hier nicht gesehen, ich werde hier nicht gehört, ich werde hier nicht wahrgenommen.

00:19:06: Und dann kann Einsamkeit natürlich auch in Familien entstehen, natürlich auch in Beziehungen oder auch in Freundschaften.

00:19:13: Ja, sich nicht verstanden fühlen, das ist ein gutes Stichwort.

00:19:17: Johanna, eine Frau, mit der du für dein Buch gesprochen hast, die hat das erlebt.

00:19:24: Und ihre Geschichte beginnt mit einem Fremdwörterlexikon.

00:19:28: Ja, es ist einfach so eine hervorragende persönliche Anekdote, was sie so viel sagt über Einsamkeit.

00:19:34: Und sie erzählt eben, dass sie als Kind, sie war die Erste in ihrer Familie, die überhaupt auf den Gymnasium ging.

00:19:43: Das war ihr eigener Wunsch.

00:19:44: Und auch dort, wo sie herkam.

00:19:45: in dem Dorf war das jetzt nicht unbedingt üblich.

00:19:47: Und sie kam eben in der fünften Klasse dann in den Deutschunterricht.

00:19:53: Und sie bekam Aufgabe, dass sie im Fremdvorteilexikon sollten, sie einfach ... verschiedene Begriffe nachschlagen.

00:19:57: Sie sollten eben lernen, wie man mit dem Lexikon umgeht.

00:20:00: Und sie kam dann nach Hause und wollte die Hausaufgabe machen und hat dann gemerkt, bei mir zu Hause, in meiner Familie, da gibt es sowas gar nicht.

00:20:07: Da gab es einfach gar keine verschiedenen Lexikon, da ist vielleicht kein Fremdwörter-Lexikon.

00:20:12: Also konnte sie die Aufgabe nicht machen, hat sich dafür natürlich geschämt, wollte am nächsten Tag nicht sagen, meine Eltern haben sowas nicht.

00:20:18: Und da hat sie eben eine Ausrede erfunden, warum sie es nicht gemacht hat.

00:20:21: und hat dann als Strafarbeit bekommen, dass sie noch mehr von den Begriffen nachschlagen sollte.

00:20:28: Also es hat sich dann so hoch geschaukelt, sie hat dann eine Lösung für sich gefunden und von Schulkameraden abgeschrieben.

00:20:34: Aber diese Geschichte sozusagen beschreibt ihre Erfahrung schon als Kind, dass sie das Gefühl hat, sie hat sozusagen in eine Welt sich hineingedrängt, in die sie eigentlich nicht hineingehört.

00:20:51: dass sie jetzt unbedingt aufs Gymnasium möchte, später dass sie unbedingt studieren möchte, dass sie unbedingt einen gewissen Platz in dieser Welt für sich erobern wollte, der eigentlich ihr sozusagen zu ihrem... Stand und zu denen, wo sie hergehört, ihre Familie nach, nicht hinkommt.

00:21:05: Da sprechen wir oft in den Medien über die sogenannte Gläserne Decke, dass Menschen nicht weiterkommen.

00:21:10: Wir sagen, jeder Mensch hat eine offene Bildungsbiografie und kann sich entwickeln, wie er das möchte.

00:21:16: In der Realität, das ist oft nicht so und hängt auch mit solchen Phänomen wie mit Einsamkeit zusammen.

00:21:22: In der Soziologie

00:21:23: ist

00:21:23: das der Habitus.

00:21:25: Du nennst das in deinem Buch so schön Stallgeruch.

00:21:28: Und das ist irgendwie was, was bei sich wirklich ... mit durchsehen sieht.

00:21:31: Also ich merke das auch als ein Arbeiterkind in der akademischen Welt.

00:21:37: Freundinnen und Freunde-Kommilitonen von mir wussten irgendwie viel eher, wie der Hase läuft, wie das hier nun mal funktioniert.

00:21:44: Ich wusste das ganz oft nicht und hatte auch das Gefühl, ich hätte mir viel dieser Stallgeruch.

00:21:49: Irgendwie merkt man es dann, dass der Habitus ein anderer ist.

00:21:56: Ja, ganz genau.

00:21:56: Der Stahlgeruch, der auch beschreibt, dass man weiß, wie kleide ich mich denn richtig für so eine Veranstaltung?

00:22:03: Oder wie spreche ich denn jemanden an?

00:22:05: Wie baue ich mir denn ein Netzwerk auf?

00:22:06: Sie beschreibt auch allein dieses Wort Immatrikulation, dass sie davor total zurückgeschreckt ist.

00:22:12: Aber sie nicht wusste, was macht man da eigentlich überhaupt?

00:22:15: Wie funktioniert das?

00:22:16: Während die anderen Kinder, die alle aus Akademikerfamilien kamen, die wussten natürlich alle, wie muss ich für die Uni einschreiben?

00:22:22: Und dass es auch gar nicht so schwierig ist, das zu machen.

00:22:25: Ganz spannend im Zusammenhang mit Einsamkeit ist die Frage, wie Einsamkeit Erfahrungen von Menschen mit politischer Meinungsbildung zusammenhängen.

00:22:36: Ich muss gestehen, ich hätte diese zwei Themenbereiche erst mal gar nicht zusammengebracht.

00:22:42: Aber das Ergebnis ist, das hängt doch deutlich zusammen.

00:22:46: Du hast auch eben gesagt, wir sind gerade in einer krisenhaften Zeit.

00:22:49: Was macht eine krisenhafte Zeit mit Menschen und ihrer Meinungsbildung?

00:22:55: Was die Politik angeht.

00:22:58: Ja, ein superwichtiges und aktuelles Thema.

00:23:02: Es gibt eine ganz aktuelle Studie unter jungen Menschen, die untersucht das Erleben von Einsamkeit bei jungen Menschen und ihre politische Einstellung.

00:23:14: Und das Hauptergehen ist, dass es eben ganz klaren Zusammenhalen gibt zwischen Einsamkeitserfahrungen und antidemokratischen Haltungen.

00:23:22: dass junge Menschen, die sich häufiger als ihre Vergleichsgruppe, die sich nicht einsam fühlen, viel leichter radikalisieren und auch extreme politische Meinungen annehmen.

00:23:34: Das einfach mal so als statistischer Befund, das gibt es bisher nur für junge Menschen, aber ich denke bei erwachsenen Menschen wäre das wahrscheinlich gar nicht so sehr anders.

00:23:43: Und ich glaube, was dahinter steht, ist eine Wahrnehmung, über die wir jetzt gerade auch schon gesprochen haben und die ja total verbreitet ist bei uns, dass einfach so viele Menschen mit ihrer Lebenssituation sich nicht verstanden fühlen und sich nicht gehört und gesehen fühlen.

00:23:57: Wir haben es jetzt eher so im persönlichen Bereich gesprochen, wie das in Freundschaften oder in der Familie sein kann.

00:24:03: Aber natürlich bezieht sich dieses Phänomen auch auf der staatliche Gefüge, also wie wir als Gesellschaft in diesem Land insgesamt zusammenleben.

00:24:12: Und Menschen, die das Gefühl haben, dass sie hier in diesem Land auch in ihrer politischen Meinung sowieso nicht ernst genommen werden, nicht gehört werden, nicht gesehen werden.

00:24:21: Das sind Menschen, die zum Beispiel eher dazu bereit sind, nicht mehr zu wählen oder die sich im radikalisierten politischen Gruppierungen anschließen.

00:24:31: Also insofern ist es ein eine total wichtige Tendenz, die jetzt gerade in diese Zeit passt, wo wir merken, Einsamkeit ist sehr, sehr, sehr viel mehr als einfach nur gefühlst du sie leid.

00:24:42: Das ist es wirklich gar nicht, sondern es ist ein Phänomen, das uns persönlich betrifft, unsere Gesundheit betrifft, aber eben auch politische Einstellungen betrifft.

00:24:52: Wenn die Einsamkeit ein so großer politischer Faktor ist oder auch noch größer werden kann, und danach sieht es ja aus im Moment, Hat die Politik das auf den Schirm?

00:25:04: Ist das ein Thema?

00:25:06: Ja, auf jeden Fall.

00:25:07: Seit der Corona-Pandemie hat sich da ganz viel entwickelt.

00:25:10: Seitdem ist das Thema Einsamkeit auch auf der höchsten politischen Ebene, sozusagen verortet und ist ein Thema.

00:25:16: Es gibt Kampagnen, es gibt ganz viele Initiativen inzwischen, die dafür sozusagen die versuchen, das Thema so aus der Grauzone, aus der Tabutzone rauszuholen.

00:25:28: Ganz klar ist, dass eigentliche, was wir gegen Einsamkeit tun können, das passiert nicht in Berlin, sondern das passiert vor Ort bei den Menschen.

00:25:37: Das muss immer da ansetzen, wo Menschen leben, also direkt in der Nachbarschaft, direkt im Quartier und deswegen ja und nein gleichzeitig.

00:25:45: Ich glaube, die Politik hat das Thema inzwischen wirklich auf dem Schirm.

00:25:49: Und gleichzeitig, das reicht nicht aus.

00:25:51: Also, wenn wir gegen Einsamkeit was unternehmen wollen, dann müssen wir in die Städter, in die Städte, in die Dörfer, in den Sozialrahmen, nämlich dort, wo die Menschen leben und dort, wo sie auch erfahren können, dass sie eben Beziehungen, ja, Beziehungen ergreifen können oder aufbauen können, die ihnen eben gut tun.

00:26:08: Kann das auch eine Folge dessen sein, dass bei vielen Menschen der Glaube und auch Gemeinde Gemeinschaft wegfallen, dass die Kirche in den Dörfern, in den Stadtteilen einfach keine große Rolle mehr spielt?

00:26:26: Ja, ich glaube schon, das nimmt noch mal einen weiteren Punkt auf.

00:26:29: Ich glaube, dass eine Sache, die sozusagen mit verloren geht, wenn wir uns einsam fühlen, ist, dass wir einen Verlust haben an Menschen, mit denen wir dieselben Werte teilen.

00:26:43: Und das ist ja was, was traditionell immer die Kirche im Kirchengemeinde übernommen hat.

00:26:47: Dass dort Menschen zusammengekommen sind, die in einer religiösen Hinsicht dieselben Werte teilen.

00:26:53: Und das finde ich schon, das geht auf jeden Fall einher, so der Bedeutungsverlust von Kirche, aber dass sich Kirche da auch ein bisschen zurückgezogen hat, oder dass Menschen jedenfalls die Formen weniger annehmen heutzutage.

00:27:04: Und dass es in irgendeiner Weise neue Formate bräuchte, wo Menschen zusammenkommen, um über das zu sprechen, was ihnen so wichtig ist, also was ihre Werte sind, was sie nicht hergeben wollen in ihrem Leben, was ihnen so wichtig ist, dass sie dafür alles aufs Spiel setzen würden.

00:27:19: Deswegen... Neue Form von Verbundenheit und Zugehörigkeit zu schaffen, das wäre meine Augen eine ganz große und ganz wichtige Aufgabe von Kirchen, natürlich auch von anderen zivilgesellschaftlichen Akteuren.

00:27:30: Aber als Fahrerin, als Dialogin sehe ich da schon auf jeden Fall bei uns in unseren eigenen Verantwortlichkeiten eine ganz, ganz große Aufgabe.

00:27:38: Radikale Gruppen schaffen das nämlich gerade ganz gut.

00:27:41: Auch über ein gemeinsames Feindbild kann man ja sehr leicht sogar Gemeinschaft stiften.

00:27:49: Auf jeden Fall.

00:27:49: Und daran sehen wir, wie attraktiv für Menschen eben starke Gemeinschaften sind und geteilte Werte.

00:27:56: Das sieht man natürlich auch bei den Kopierungen, die man selbst nicht unterstützen möchte, aber man sieht, dass es Phänomen, sage ich mal, so hohe Attraktivität hat, dass ganz viele Menschen sich davon auch mitreißen lassen und dann auch bereit sind, dort mitzuwirken.

00:28:11: Du hast auch mit einer Telefonsäelsäugerin gesprochen, Sabine, die dir erzählt hat, weshalb die Menschen anrufen.

00:28:18: Du hast gesprochen mit Thomas, einem Handwerker im Ruhestand, ein ganz umtriebiger Mensch, viel gereist, ein Mann mit vielen Talenten, der über seine Einsamkeit spricht.

00:28:27: Du hast gesprochen mit Valeria, die erzählt, warum sie sich als Kind ... schon einsam gefühlt hat in ihrer Familie.

00:28:35: Wenn du an all diese Geschichten denkst, an alle Studien, die du gelesen hast zum Thema Einsamkeit, an deine persönlichen Erfahrungen, was würdest du sagen, wie geht man am besten um mit dieser Stillengefährtin?

00:28:50: Was sich wirklich jedem empfehlen kann, ist dafür sehr sensibel zu werden und Angebote zu machen, darüber zu sprechen.

00:28:57: Das hört sich vielleicht erstmal banal an, aber es ist der erste Schritt aus der Einsamkeit heraus, der so unheimlich schwer ist, weil es eben mit dem Thema Charme zusammenhängt.

00:29:07: Und überhaupt Menschen sozusagen zu ermöglichen, darüber mal zu sprechen, zu sagen, wie geht's dir denn damit?

00:29:13: Dass es so eine ganz große Ausgestreckte hat von hau außen, die ganz viele Menschen brauchen, wenn sie in Einsamkeit sind.

00:29:19: Und man kann das natürlich auch selbst tun, wenn man selbst merkt, ich habe den Eindruck einfach, die Einsamkeit, die ist jetzt gerade nicht nur ein, zwei Tage da, sondern begleitet mich schon ein bisschen länger.

00:29:28: Genau deswegen gibt es solche vollen und wichtigen Angebote wie Telefonsehsorge und so weiter.

00:29:33: um einfach mal ein Gespräch in Anspruch zu nehmen und dann mal zu erzählen, wie es einem geht.

00:29:38: Und dann gibt es im nächsten Schritt unheimlich viele Möglichkeiten, was man tun kann, von ehrenamtlichen Engagement und so weiter.

00:29:44: Ganz viele tolle Initiativen, wo man sich beteiligen kann, um auch wieder neu einfach in gesellschaftliche soziale Strukturen zu kommen.

00:29:51: Aber der erste Schritt zu erzählen, wie man sich fühlt, das ist der schwerste Schritt, für fast alle der schwerste Schritt, aber auch der, der die größte Wirksamkeit hat.

00:30:00: Ich denke jetzt gerade an die Beerdigungen, die du als Pfarrerin machst, also Beerdigungen von Menschen, die in Einsamkeit gestorben sind, die also keine Angehörigen haben und zu deren Beerdigung dann Fremde dazukommen, um ihnen die letzte Ehre zu erweisen.

00:30:17: Also es gibt auch Schönes, was erwächst rund um dieses Thema Einsamkeit.

00:30:24: Diese Beerdigungen, die ich dort erlebt habe und mitgestalten durfte, die geben mir auch jetzt noch unheimlich viel Hoffnung, weil ich da erlebt habe, dass es eben möglich ist, dass wir Auseinsamkeit, Neuverbundenheit schaffen können.

00:30:39: Und selbst wenn das fremde Menschen sind, bei diesen Beerdigungen kommen Ehrenamtliche aus der Stadt, Die kennen die verstorbene Person gar nicht, aber denen ist es unheimlich wichtig, dass auch eine verstorbene, einsame Person nicht in Einsamkeit bestattet wird, sondern dass andere mit dabei sind.

00:30:55: Und die kommen freiwillig, die schenken ihre Zeit, stellen sich auf den Friedhof, singen und gehen zusammen ans Grab.

00:31:02: Das ist für mich... Ein unheimlich starkes Bild dafür, dass wir alle etwas tun können.

00:31:08: Dafür, dass einfach unsere Stadt, unsere Straße, unser Land einfach weniger einsam ist, sondern wir mehr von solchen Strukturen in Gemeinschaft und Verbundenheit wieder getragen werden.

00:31:22: Was gibt dir ansonsten Hoffnung?

00:31:23: Was würdest du sagen, ist so dein Haltepunkt?

00:31:26: Für mich ganz persönlich ist es mein Glaube, der mir große Hoffnung gibt.

00:31:30: Weil ich einen Gott glaube und den auch immer wieder erfahre.

00:31:34: Der sagt, ich seh dich, ich seh dich auch in deiner Einsamkeit.

00:31:38: Und der mit der Jahreslosung von diesem Jahr sagt, ich mache alles neu.

00:31:42: Also, dass es auch Veränderungen geben darf, gerade in solchen Phasen, in denen man denkt, es läuft wirklich überhaupt nicht.

00:31:48: Und man fühlt sich sehr einsam.

00:31:50: Ganz herzlichen Dank für das Gespräch.

00:31:53: Ja, ich danke.

00:31:56: Stefanie Hecke, evangelische Theologin und Diakonie-Wissenschaftlerin, außerdem Autorin des Buches, die stille Gefährtin.

00:32:03: Einsamkeit verstehen und überwinden.

00:32:06: Ich danke fürs Zuhören.

00:32:07: Schön, dass ihr dabei wart.

00:32:09: Mein Name ist Verena Tröster und ich freue mich aufs nächste Mal.

00:32:12: Bis bald.

Neuer Kommentar

Dein Name oder Pseudonym (wird öffentlich angezeigt)
Mindestens 10 Zeichen
Durch das Abschicken des Formulars stimmst du zu, dass der Wert unter "Name oder Pseudonym" gespeichert wird und öffentlich angezeigt werden kann. Wir speichern keine IP-Adressen oder andere personenbezogene Daten. Die Nutzung deines echten Namens ist freiwillig.